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MKW goes... Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe!



Die „Erstis“ der Medienkulturwissenschaft
zu Besuch im Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe 

Am 27. November 2019 fuhren wir, sechzig neugierige MKW-Erstsemester, zusammen mit unseren Dozentinnen Frau Dr. Papenburg und Frau Düdder-Lechner nach Karlsruhe, um das ZKM kennenzulernen und die Ausstellung „Writing the History of the Future“ zu besuchen. Ein kurzer Blick auf die hervorragend gestaltete Homepage der Einrichtung machte uns deutlich: Es erwartet uns kein herkömmliches Museum, sondern ein Ort verschiedenster Aktivitäten, „ ein Haus aller Medien und Gattungen“, „1989 mit der Mission gegründet, die klassischen Künste ins digitale Zeitalter fortzuschreiben“. Das ZKM besitzt eine weltweit einzigartige Sammlung von Medienkunst, zeigt viel beachtete Ausstellungen und veranstaltet Performances mit Musik, Tanz und Theater; es betreibt Forschung, technische Entwicklung und künstlerische Produktion im Kontext digitaler Medien und Technologien – all dies illustriert die große Bedeutung und den internationalen Rang des Hauses. Die monumentale, während des Ersten Weltkriegs als Stahlbetonskelettbau errichtete Industriehalle mit ihren beeindruckenden Lichthöfen bietet dank des gelungenen Umbaus in den 1990er Jahren außergewöhnliche, multifunktionale Räume für diese vielfältigen Aktivitäten. 

Für die meisten von uns war es die erste Begegnung mit dem ZKM, dementsprechend überraschend und facettenreich waren unsere Eindrücke. Unser Fokus lag auf der Ausstellung „Writing the History of the Future“, einer Schau repräsentativer Werke der großen Sammlung moderner Kunst am ZKM. Hierbei spielt die Medienkunst eine zentrale Rolle; künstlerische Konzepte werden mit zukunftsweisenden Technologien zusammengeführt. Viele der gezeigten Werke zeugen von einem gesellschaftskritischen, seismographischen Blick, von visionären Entwürfen und Utopien. Sie waren oder sind ihrer Zeit weit voraus, unterliegen aber auch einer Geschichte, die in der Ausstellung nachgezeichnet wird. Es geht um den radikalen „Wandel der Kunst angesichts der sich verändernden apparativen Produktions-, Rezeptions- und Distributionstechnologien“. Eine mögliche Zukunft, die uns aus der Vergangenheit entgegen kommt – so könnte man den englischen Titel der Ausstellung zum dreißigjährigen Bestehen des ZKM umschreiben. Exemplarisch möchten wir unsere persönliche Erfahrung mit zwei Werken aus der Ausstellung, die uns besonders angesprochen haben, genauer darstellen.

 

ZKM Ausstellungsstück YOU'R'CODE

Julia über YOU:R:CODE (2017) von Bernd Lintermann

Gleich zu Beginn unserer anfänglichen Erkundungstour im Eingangsbereich der Ausstellung trete ich mir in der Arbeit YOU:R:CODE selbst gegenüber. Die interaktive Installation stellt die Körper der Ausstellungsbesucher*innen in sechs verschiedenen digitalen Transformationen dar. Zuerst blicke ich auf mein Spiegelbild; sodann werde ich auf einen maschinenlesbaren Code reduziert. Das Werk kann mich jedoch nicht nur auf verschiedene Arten abbilden, es verfügt zudem über einen Algorithmus, der dazu fähig ist, meine Größe, mein Alter sowie meine Augen- und Haarfarbe zu bestimmen. Der Titel kann als die Aussage „You are Code“ gelesen werden und deutet an, dass auch wir, wie alles in unserem durch moderne Technik geprägtem Leben, aus einem oder vielen Code(s) bestehen. So steuert der in uns verankerte genetische Code unser Handeln ähnlich wie künstliche Intelligenzen in Smartphones es täglich tun. Wahrgenommen über unsere elektronischen Äußerungen sind auch wir für sie Codes, die entschlüsselt und gelesen werden. Wir lassen uns von der Installation ‚durchleuchten‘ und werden nachdenklich. Von einem automatisierten Apparat gescannt zu werden, selbst transformiert und digitalisiert werden zu können, bietet uns neue Blickwinkel auf eine Welt von Codes, in der wir leben. Diese Erfahrung macht deutlich, in welchem medialen Wandel sich unsere Gesellschaft und mit ihr die Kunst befindet, geprägt durch die Apparate der ehemaligen Zukunft sind wir ständiger Veränderung und Erneuerung unterworfen.

 

Bernd über die Installation Heavens Gate (1987) von Jeffrey Shaw und Harry de Wit

Etwas ermüdet von einem längeren Rundgang durch die gesamte Ausstellung beschließe ich, mich eingehender mit der Installation Heavens Gate zu beschäftigen. Ich betrete einen riesigen, außen weißen, innen schwarzen Kubus und erschauere, wie so viele Besucher*innen, die nach mir eintreten, vor einem Abgrund. Würde ich hier hineinstürzen, könnte es um mein Leben geschehen sein, so meine erste Reaktion. Als ‚aufgeklärter‘ Zeitgenosse und darauf vertrauend, dass mich kein*e Kurator*in einer solchen Gefahr aussetzen würde, erkenne ich das Arrangement der Installation: Auf dem Boden des schwarzen Kubus ist bündig zu den Wänden eine große Spiegelfläche ausgelegt. Auf die Decke werden vollflächig bewegte Bilder projiziert, die sich im Boden spiegeln. Es gibt nur Höhe und Tiefe, die vier schwarzen Seitenwände verschwinden quasi aus der Wahrnehmung. Nach anfänglichem Zögern traue ich mich auf die Spiegelfläche in die Mitte des Raumes, wissend, dass ich nicht einbrechen kann, obwohl die Wahrnehmung der dargestellten Tiefe mir immer wieder Angst vor dem Abgrund einflößt. Schwarz/Weiß, Höhe/Tiefe, Vertrauen/Angst – weitere, gegensätzliche Dimensionen werden in den Videoprojektionen sichtbar: barocke Deckengemälde, in die Unendlichkeit des Himmels weisend, gehen über in Satellitenaufnahmen der Erdoberfläche. Hier wird ein großer zeitlicher und räumlicher Abstand überwunden, kombiniert und kontrastiert. Ich denke an den Titel der Ausstellung, der Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet, an das Oxymoron als rhetorische Figur, aber auch als Signum unserer Zeit. Ich setze mich, lege mich hin, krieche über die Spiegelfläche, noch nie konnte ich mich in einem Kunstwerk auf diese Weise bewegen. Meist bin ich alleine, da vereinzelte Besucher*innen nur kurz hereinschauen und bald weitergehen. Immer wieder begegne ich als Teil der Bilderwelten meinem eigenen schattenhaften Spiegelbild; die Installation zwingt mich geradezu, mich in und durch extreme Gegensätze zu bewegen. Zuletzt kehre ich versuchsweise meine eigene Position um und schaue in einer Art Handstand nach „oben“ in die Spiegelfläche. Damit verschwimmen Oben und Unten völlig als Bezugsflächen, alles erscheint in gleicher Distanz oder Nähe zu allem anderen. Als ich die Installation wieder verlasse, geht mir vieles durch den Kopf, behandelte Textpassagen aus den MKW-Vorlesungen und -Seminaren, eigene Gedanken über Kunst und über den Zustand der Welt. 

 

Unser Fazit

Die Ideen, die von der Ausstellung „Writing the History of the Future“ thematisiert werden, sind auch für uns als angehende Medienkulturwissenschaftler*innen bedeutend. Apparative Medien haben das Verhältnis der Betrachtenden und des*r Kunstschaffenden zu den Kunstwerken und die Kunstwerke selbst radikal verändert. Oft fungieren Rezipierende nicht mehr nur als Außenstehende, sondern gestalten das Kunstwerk aktiv mit und um. Die Ausstellung zeigt uns einerseits, in wie vielfältiger Weise in unserer wandelbaren Medienkultur Kunst erschaffen wird; andererseits bringt sie uns dazu, einen Schritt zurückzutreten und einen neuen Blick auf die moderne Welt, in die Zukunft und auf die Vergangenheit einzunehmen.
Eines wurde uns jedenfalls sehr deutlich: Das ZKM ist ein zentraler Ort für die MKW. Wir werden wiederkommen.

 

Text: Julia Duffner und Bernd Niedecken
Fotos: Lizanne Burkardt


Quellen der Zitate:

https://zkm.de/de/das-zkm
https://zkm.de/de/ausstellung/2019/02/writing-the-history-of-the-future

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