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MKW goes... Bologna! Festivalbericht 2019

Il Cinema Ritrovato 2019 - Piazza Maggiore

Festival – Il Cinema Ritrovato

21. - 28. Juni 2019

 

Das wiedergefundene Kino, il cinema ritrovato. Kino besteht aus mehr als dem, was auf der Leinwand gezeigt wird. Deshalb hat es sich das Filmfestival il cinema ritrovato zum Ziel gemacht, nicht nur Filme wiederzufinden, sondern das Kino. Das Festival für restaurierte Filme lud in der letzten Juniwoche 2019 bereits zum 33. Mal ins Herz der Kulturstadt Bologna, wo Filmschaffende, Studierende und Cineasten für zehn Tage zusammenfanden, um sich auszutauschen und eine mitunter vergessene Filmrezeption aufleben zu lassen. 


Kino als Erlebnis

Ein stillgelegter Bahnsteig? Vielleicht. Eintreten. „Benvenuti“. Über einige sich in den Boden fressende Steintreppen gelangen wir tiefer hinein. Die kahlen Wände mit den unförmigen, auffallend großen Löchern ziehen unsere Blicke auf sich. Unten angekommen im Cantiere Modernissimo sieht es gar nicht allzu modernissimo aus: Anders als in heutigen Kinosälen sind die Wände und der Boden aus Stein, der Projektor steht oben auf der Empore. Auf den mäßig bequemen Sitzen blicken wir nach vorne auf die Leinwand. Der sowieso schon schwach beleuchtete Raum wird dunkel. Es beginnt zu rattern, die Filmrolle läuft auf der Empore durch die Spulen des Projektors. Musik ertönt. Nicht aus Lautsprechern, dafür ist der Raum nicht ausgelegt. Links, vom reflektierenden Licht der Leinwand schwach angestrahlt, sitzt ein Pianist. So muss es vor hundert Jahren - 1919 erschien der gezeigte Film - gewesen sein, im Kino zu sitzen: Live-Musik, Steinwände, ratternder Projektor.

Doch nicht nur historische Filme stehen auf dem Festivalprogramm, sondern auch aktuelle Produktionen, die oftmals im Rahmen der Abendveranstaltungen auf dem Piazza Maggiore vorgeführt werden. So auch der Eröffnungsfilm des Festivals: „Roma“ von Alfonso Cuarón, eine Netflix-Produktion aus dem Jahr 2018, die unter anderem mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Das Festival ist insgesamt in 16 Kategorien unterteilt, die thematisch von Hollywoodproduktionen des William Fox Studios in den 1930er Jahren über den Film Noir bis hin zum Westdeutschen Nachkriegskino über das afrikanische Cinemalibero und weit darüber hinaus reichen. Wie sich diese Kategorien in den Gesamtkontext der Filmgeschichte einordnen lassen und welche Filme sehenswert sind, wird im Vorfeld durch das begleitende Seminar von Prof. Dr. Robin Curtis und die Vorträge der Studierenden aufschlussreich erklärt. 

Vor Ort kann man sich dann auf die verschiedenen Projektionstechniken konzentrieren. Wie aus der Zeit gefallen erscheint einem da ein Projektor, der unter der Verbrennung von Leuchtstäben den Film flackernd an eine Leinwand projiziert. Dazu spielt ein Musiker live die begleitende Filmmusik auf Piano und Schlagzeug – es entsteht eine Atmosphäre, die nicht nur Filmliebhabern den Abend versüßt. 


Unter Cineasten

Für Studierende, die über die reine Filmrezeption hinausgehen wollen, gibt es die Veranstaltung „Lektionen des Kinos“. Hier bietet sich die seltene Möglichkeit Regisseure hautnah zu treffen und diesen Fragen zu stellen. In diesem Jahr waren der dänische Regisseur Nicholas Winding Refn und Francis Ford Coppola eingeladen, die ihrerseits Anekdoten und Wissenswertes rund ums Hollywoodleben preisgaben. Es ist so durchaus möglich, sehr persönliche Einblicke in die Arbeitsweise der Filmschaffenden zu bekommen. Äußerst informativ erwiesen sich auch die Gespräche mit den Kuratorinnen und Kuratoren der einzelnen Festivalkategorien. Erstaunlich nahbar und teilweise begeistert zeigten sie sich vom Interesse und den Fragen unserer Studierendengruppe.


Bologna: Kulisse und Herz

Abseits der Kinosäle ist es Bologna, das zum Staunen einlädt. Die Stadt lebt, besonders in den etwas kühleren Abendstunden, an denen nie enden wollende Arkaden zum Schlendern einladen. Die zahlreichen Restaurants bieten kulinarische Highlights der italienischen Küche – nach einem langen Filmtag die perfekte Möglichkeit, um Energie für den Abend zu tanken. Das pochende Herz der Stadt ist die Piazza Maggiore, an dem allabendlich ein Film auf einer überdimensionierten Leinwand vor bis zu 6000 Menschen gezeigt wird. Die fast ausschließlich in rot-braun gekleidete Altstadt Bolognas bietet die perfekte Kulisse für ein Festival, das das Kino leben und MKW-Herzen höher schlagen lässt. 

 

Text: Johannes Hohloch und Tobias Gayer //
Fotos: Kerstin Ernst und Helga Schneider-Göhring