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Das Mediale Selbst, Workshop der Medienkulturwissenschaften, WS 2012/13

Das mediale Selbst – Semesterauftaktworkshop des Instituts für Medienkulturwissenschaft
22.10.2012


Die rasante Entwicklung und Nutzung digitaler Kommunikationstechnologien ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führt nach Gilles Deleuze zu einer Aufspaltung des Individuums. Mit dem Begriff des dividuums, den er von Nietzsche übernimmt, verdeutlicht er, wie die netzartig strukturierten und dezentralisierten Kommunikationstechnologien einer postmodernen Kontrollgesellschaft die alte Dichotomie von Masse und Individuum überwinden und hybride Formen von Identität und Subjektivität hervorbringen. Der Workshop widmet sich also der Frage nach dem „medialen Subjekt“, das sich in diesem Spannungsfeld formiert.

Subjektivierung – im doppelten Wortsinne von Subjektwerdung und Unterwerfung – hat sich zu allen Zeiten medial vollzogen und sich dabei einer Reihe von Menschen, Dingen, Praktiken und Technologien, Ideologien und Überzeugungen sowie Orten, Räumen und Architekturen bedient. Ob auf dem Marktplatz oder in der Familie, im dialektischen Lehrer-Schüler-Verhältnis oder während der Predigt in der Kirche, im Rahmen eines hohen Amtes oder als Arbeiter am Fließband, ob als Mann oder als Frau – Subjektivierung vollzieht sich permanent neu und findet in dem Spannungsfeld der sozio-politischen Plätze statt, die uns zugewiesen werden, die wir einnehmen oder die wir anstreben.

Michel Foucault gilt als der Theoretiker der Verflechtungen von Wissen, Macht und Subjekt. Entlang der Veränderung der „Wahrheitsspiele“, die sich in diesem Spannungsfeld ergeben, zeichnet er den Übergang von der Souveränitätsgesellschaft zur modernen Disziplinargesellschaft nach, in welcher der gelehrige Körper politisch und ökonomisch nutzbar gemacht wird. In seinen späteren Texten macht er zusätzlich zu den Technologien der Produktion, der Zeichensysteme und der Macht, über die der Staat das arbeitende Subjekt diszipliniert, eine weitere, nämlich interne Schiene der Subjektivierung aus; in Martin Saars Worten „die eigentätige, sich auf sich selbst richtende Arbeit am Selbst an sich“ . Über sogenannte Technologien des Selbst verfolgt der Einzelne Foucault zufolge das Ziel, „aus eigener Kraft oder mit Hilfe anderer eine Reihe von Operationen an seinem Körper oder seiner Seele, seinem Denken, seinem Verhalten und seiner Existenzweise vorzunehmen, mit dem Ziel, sich so zu verändern, dass er einen gewissen Zustand des Glücks, der Reinheit, der Weisheit, der Vollkommenheit oder der Unsterblichkeit erlangt.“  Die moderne Verbindung zwischen den Technologien des Selbst und denen der Produktion und der Macht nennt er Gouvernementalität; die als Freiheit kostümierten Selbsttechnologien treten in den Dienst der bürgerlichen Macht. Spezifische Ordnungen der Sichtbarkeit und der Körpertechnik, welche die modernen Architekturen der Disziplinargesellschaft installieren und instrumentalisieren, gehen darüber hinaus mit einer Kultur des Bezeugens und Gestehens einher, über die sich das vermeintlich freie Individuum als Subjekt des Staates formiert und dem Wahrheitsspiel der Macht integriert. Schrift, Sprache und Visualität stellen, auch wenn Foucault dies nicht explizit reflektiert, den medialen Rahmen dieser Selbstbekenntnis dar. Vermeintlicher Tabubruch, sexuelle Befreiung und geschlechtliche sowie soziale Emanzipation produzieren einen endlosen Diskurs des Subjekts über sich selbst, mit dem Effekt seiner universalen Sichtbarkeit zum Zweck der Sicherstellung seiner Produktivität.

In den letzten dreißig Jahren wurden diese Thesen Michel Foucaults intensiv diskutiert und weiter gedacht. Die oben beschriebene moderne Disziplinargesellschaft wird vor allem dem 18. und 19. Jahrhundert zugeschrieben, während neue Definitionen und theoretische Ansätze den Wandel zu verstehen suchen, der sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzieht, welches nicht mehr durch die industrielle Maschine, sondern durch den Computer charakterisiert ist. Die Kritik an Foucaults spätem Fokus auf das Subjekt und die Technologien des Selbst besteht unter anderem darin, dass er neue kommunikationstechnische Errungenschaften und mediale Praktiken des Subjekts nicht in seine Überlegungen einbezieht. Bernard Stiegler weist darauf hin, dass Foucault grundsätzlich nicht primär an einem Problem der Medialität interessiert ist ; was ihn beschäftigt ist das Problem der Sagbarkeit, jedoch nicht der Sprache; der Sichtbarkeit, nicht der Visualität. Jedoch war die Frage nach der Verfertigung des Subjekts schon immer eine mediale und heute, in Zeiten einer zu diskutierenden digitalen Dividuation oder subjektiven Multiplizierung, drängt sie sich förmlich auf.

Ziel dieses Workshops ist es daher, den Prozess der Subjektivierung im digitalen Zeitalter zu befragen und offene Probleme zu diskutieren: Was geschieht mit dem Subjekt, wenn sich die Machtstrukturen und Wahrheitsspiele der Gesellschaft nicht mehr auf feste Orte und Institutionen stützen und nicht mehr einem einzelnen Nationalstaat oder einer sozialen Schicht, sondern den global operierenden Unternehmen zugeordnet werden können? Können wir in Zeiten der Social Media, des Sharings und der Like-Buttons von einem „medialen Subjekt“ in Abgrenzung eines „realen Subjekts“ sprechen? Inwieweit teilen, verdoppeln oder multiplizieren wir uns in unseren Netzidentitäten? In welchem Maße imitieren wir vormalige Technologien des Selbst und übertragen Techniken der körperlichen Übung oder des Bezeugens vom Analogen ins Digitale und was kommt als Neues hinzu? Was stellt der von Gilles Deleuze beschriebene Übergang von einer Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft mit dem Subjekt an und wie verhalten sich Biopolitik und digitale Welt zueinander? Stellt Bernhard Stieglers Konzept der Psychomacht eine Alternative dar, um die neuen Techniken und Methoden der Subjektivierung im Netz und außerhalb dessen zu verstehen? Ist das mediale Subjekt ein befreites Subjekt, und gibt es womöglich doch ein Außerhalb der Macht? Oder ist das netzartig formierte Internet nur der neue Raum einer noopolitischen Kontrollgesellschaft? Und schließlich, inwiefern verändern diese Praktiken und neuen Überzeugungen unser Verständnis von Subjektivität, welche Rolle spielt die alte Frage nach Geist und Materie im Web 2.0.?


DAS MEDIALE SELBST - organisiert und geleitet von Eva Schauerte

Semesterauftakt-Workshop der Medienkulturwissenschaft, WS 2012/13
22.10.2012, 14.00 - 19.15, Aula (Platz der Universität 3, Kollegiengebäude I)

14.00 - 14.15: Grußwort und Einführung

14.15 - 15.45: Gerald Raunig (Zürcher Hochschule der Künste): Vom Dividuum zur Condividualität

16.00 - 17.30: Eva Schauerte (Albert-Ludwigs-Universität Freiburg): Das mediale Selbst und seine Körper

17.45 - 19.15: Boris Traue (Technische Universität Berlin): Subjekt und Hypervideo. Selbst- und Fremdautorisierung in synästhetischen Kommunikationsregimen

 

Das mediale Selbst - Workshop

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